Was für ein Buch! „Vom Ende der Einsamkeit“

Also, ich nehme es gleich zu Beginn vorweg: ich habe ein neues Lieblingsbuch!

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Vom Ende der Einsamkeit_BuchrückenJules und seine Geschwister führen ein behütetes Leben im Münchener Stadtteil Schwabing – bis ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Es folgen Jahre im Internat, in denen die Geschwister ihre eigenen steinigen Wege gehen – und in denen jeder auf seine Weise versucht, mit dem Verlust zurecht zu kommen. Im Internat trifft Jules auf die geheimnisvolle, in sich gekehrte Alva – den einzigen Mensch zu dem Jules Vertrauen fasst.

„Wie ein sich ausbreitender Riss nahmen meine Ängste zu. Ich begann, mich vor dem Dunkeln zu fürchten, vor dem Tod, vor der Ewigkeit. Diese Gedanken trieben einen Stachel in meine Welt, und je häufiger ich über all das nachdachte, desto mehr entfernte ich mich von meinen oft unbeschwerten, gutgelaunten Mitschülern. Ich war allein. Und dann traf ich Alva.“

Während er zu seinen Geschwistern mal mehr und mal weniger den Kontakt verliert, findet er in Alva seine einzige Freundin, seine Seelenverwandte – und seine große unerfüllte Liebe.

„Jules, du siehst immer jemanden in mir, der ich nicht bin.“ „Nein, andersrum. Du bist jemand, den du nicht siehst.“ {…} Im Gegensatz zu mir sprach Alva kaum über ihre Kindheit. Nur einmal hatte sie mir anvertraut, dass sie als Kind an besonders schönen Tagen mit der Familie immer auch diesen Schmerz verspürt hätte, dass dieser Moment vorbeigehen würde. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fand ich in dieser knappen Bemerkung mich selbst wieder.

Die Jahre des Erwachsenwerdens sind nicht leicht für die drei Geschwister, die sich mal nah und mal fern sind – und die so verschieden sind wie es bei Geschwistern eben oft der Fall ist. Ich-Erzähler Jules ist der Melancholische. Er macht sich viele Gedanken – um sich, seine Mitmenschen und das Leben – und lässt uns mit wundervollen Worten an seinen Beobachtungen teilhaben.

„Weißt du was ich manchmal denke?“ Ich wischte mir über die Oberlippe und sah sie angriffslustig an. „Das hier ist alles wie eine Saat. Das Internat, die Schule, was mit meinen Eltern passiert ist. Das alles wird in mir gesät, aber ich kann nicht sehen, was es aus mir macht. Erst wenn ich ein Erwachsener bin, kommt die Ernte, und dann ist es zu spät.“

Jules verbringt seine Zeit mit Träumerein und immer wieder zieht er sich in seine Gedankenwelt zurück. Mal ist er melancholisch, mal ängstlich, mal philosophisch, mal humorvoll, mal ironisch. Und immer wieder wird er von seinen Ängsten eingeholt.

„Ich will nicht sterben“, rief ich. „ICH WILL NICHT STERBEN!“ Sich von sich selbst verabschieden müssen. Alle Gedanken, Hoffnungen und Erinnerungen ausgelöscht. Ein schwarzer Bildschirm für die Ewigkeit.“

Jules‘ geliebte Schwester Liz hingegen ist exzentrisch, lebt das Leben in vollen Zügen, geht an ihre Grenzen und oft darüber hinaus.

„Ich werde jung sterben, und zwar dann, wenn ich endlich glücklich bin. Dann passiert irgendwas, und ganz plötzlich bin ich tot.“ Sie sah uns beide abwechselnd an. „Aber das ist okay. Ich war fast überall, habe so viel gesehen, den Morgendunst in Manhattan oder den Dschungel in Ecuador, ich bin Fallschirm gesprungen, hatte viele Liebhaber und eine wilde, schwierige Zeit, aber davor auch eine glückliche, behütete, und ich habe wirklich viel über den Tod gelernt. Es ist egal, wenn ich früh sterbe, denn ich kann trotzdem sagen: Ich habe gelebt.“

Der in Jules‘ Kindheit nicht ganz so geliebte etwas nerdige Bruder Marty entpuppt sich als erfolgreich und zuverlässig, kämpft aber im Inneren ebenfalls gegen seine mühsam verborgenen Zwänge und Phobien.

„Vor dem Eingang sehe ich Marty konzentriert die Klinke herunterdrücken, immer wieder und immer dasselbe Muster. {…) „Wie oft machst du das eigentlich?“ „Insgesamt vierundsechzigmal. Acht ist meine Glückszahl, acht mal acht hält deshalb doppelt.“

Der Autor zieht seine Leser mit großer Erzählkunst in den Bann dieser Familiengeschichte. Mit malerischen Worten zeichnet er großartige Charaktere, lässt uns eintauchen in deren Vergangenheit, in ihre Gedankenwelt und lässt uns mit ihnen gemeinsam der Zukunft entgegen fiebern. Diese Figuren berühren mich in meinem Innern so sehr und treffen mich mit ihren Aussagen und Gedanken immer wieder in tiefster Seele. Ich habe sie nur ungern gehen lassen, nachdem ich die letzte Seite gelesen habe. Jules mit seinen Gedanken um Leben und Tod, seiner Leidenschaft für’s Schreiben und die Fotografie. Die zurückhaltende, geheimnisvolle Alva, die Literatur so sehr liebt dass man sie immer und überall mit einem Buch sieht. Marty, der zuverlässige Fels in der Brandung. Liz, die sich nach Leidenschaft und dem Leben verzehrt, immer im Jetzt.

„Sie hatte immer nur den Moment genossen, in ihrem Leben alles wieder losgelassen, um frei zu sein, und jetzt hielt sie fast nichts in den Händen.“

Ob Jules zum Ende der Einsamkeit gelangt will ich natürlich nicht vorweg nehmen – genauso wenig die Höhen und Tiefen und immer wieder überraschenden Wendungen in seinem Leben.

„Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.“


Mit gemischten Gefühlen habe ich mich an das neue Werk von Benedict Wells begeben, von dem ich bisher noch kein Buch gelesen hatte. So groß war der Hype, der bereits vorab darum gemacht wurde, dass ich dem Ganzen erst einmal skeptisch gegenüber stand. Aber: dieses Buch hat mich von den Socken gehauen. Der Autor schafft es, die großen Themen Verlust, Einsamkeit, Trauer und Angst so berührend, so nah – und trotzdem mit einer Art Leichtigkeit zu vermitteln und ohne dass man sich danach depressiv verstimmt fühlt – einfach großartig und ganz große Erzählkunst.

„Es hat in meinem Leben so viele Abzweigungen gegeben, so viele Möglichkeiten, ein anderer zu sein. {…} Was wäre das unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte. Gibt es Dinge in einem, die alles überstehen?“

Der Roman wirft viele Fragen nach dem Glück auf. Was bestimmt unseren Lebensweg? Was macht uns zu dem der wir sind? Ist unser Glück Zufall oder Schicksal? Wie lässt sich Verlust überwinden? Und wie gehen wir mit Ängsten um? Es geht um Einsamkeit, um Trauer, um Zusammenhalt, um Familie, um Freundschaft und um Liebe. Es geht um das Leben – und um den Tod.

Obwohl der Inhalt so tiefgründig und die Themen so traurig sind, verbreitet der Roman eine optimistische, lebensbejahende Stimmung – die durch die von mir gewählten Zitate vielleicht nicht ganz widergespiegelt wird. Die leisen Töne gehen unter die Haut und die malerischen Worte prägen sich tief ins Bewusstsein. Und dabei ist keine Seite zu viel. Bereits der erste Satz hat mir gefallen und sich ein Post-it verdient.

Vom Ende der Einsamkeit_Zitate

Ich könnte eine unendlich lange Liste neuer Lieblingszitate erstellen. Die eindrucksvollsten konnte ich hier gar nicht unterbringen, weil ich dann bereits zu viel verraten würde. Wells‘ findet einfach wundervolle Worte, um die inneren Konflikte der Protagonisten zu beschreiben. Aber ich möchte hier nichts vom Lesevergnügen vorweg nehmen.  Denn eines steht fest: dieses Buch gehört in jedes Bücherregal.

„Wir sind von Geburt an auf der Titanic.“ {…} Wir gehen unter, wir werden das hier nicht überleben, das ist bereits entschieden. Nichts kann das ändern. Aber wir können wählen, ob wir schreiend und panisch umherlaufen oder ob wir wie die Musiker sind, die tapfer und in Würde weiterspielen, obwohl das Schiff versinkt.“

Buchinformationen

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells, Diogenes, erschienen im März 2016, 368 Seiten

Über den Autor

„Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin.“


Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur, Roman
Subjects: Angst, Einsamkeit, erwachsen werden, Familie, Frankreich, Freundschaft, Geschwister, Hypochonder, Internat, Leben, Lebenswege, Liebe, München, Schicksal, Tod, Trauer, Verlust

2 Reaktionen

  1. Astrid
    Astrid um · Antwort

    Liebe Nadine,

    Deine Rezi zu diesem tollen Buch hatte ich auch schon gelesen und musste lachen, dass du auch so viele Postits verwendet hast wie ich. Habe nun „fast genial“ gekauft und bin gespannt, ob es mich auch so in den Bann zieht.

    LG
    Astrid

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