Was uns bleibt ist jetzt

„Wir dürfen uns vor Veränderung nicht fürchten… Sonst verpassen wir alles.“

Die 15-jährige Jam ist ein ganz normaler Teenager… bis sie ihre erste große Liebe Reeve verliert. Nach Reeves Tod findet Jam keinen Sinn mehr im Leben. Sie rutscht ab in eine Depression. Als ihre Eltern sich nicht mehr zu helfen wissen, findet sich die suizidgefährdete Jam in Wooden Barn wieder, einem Internat für traumatisierte Teenager.

Als eine von wenigen Auserwählten landet sie im sagenumwobenen Literaturkurs von Mrs. Quenell. Hier setzen sich die Teenager mit dem Leben und den Werken Sylvia Plath‘ auseinander. Mit der Schriftstellerin, die in ihren Gedichten und ihrem Roman Die Glasglocke ihre eigene Depression verarbeitet und dafür posthum, nach ihrem Suizid, berühmt wurde, können sich die traumatisierten jungen Menschen identifizieren. Im Kurs trifft Jam auf vier sehr unterschiedliche Jugendliche, die alle auf ihre eigene Weise mit dem Leben zu kämpfen haben. Da gibt es Casey, die im Rollstuhl sitzt; die wunderschöne und geheimnisvolle Sierra; Marc, den netten Kerl von nebenan sowie den gutaussehenden, aber unnahbaren Griffin. Entgegen ihren Erwartungen lebt Jam sich schnell ein und findet in der Literatur und bei ihren Mitschülern Halt. Und von Mrs. Quenell fühlt sie sich zum ersten mal richtig wahr- und ernstgenommen. Der Schmerz um Reeves Verlust lässt sie nie los – und doch ist da von Zeit zu Zeit ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

„…ich weiß auch, dass der Schmerz wie ein endloses Band sein kann, an dem man zieht und zieht. Man versucht es zu sich heranzuziehen, und während sich das Band aufhäuft, kann man sich kaum vorstellen, dass am anderen Ende etwas anderes wartet als Schmerz. Aber es ist immer etwas am anderen Ende.“

Die Teenager erhalten von ihrer Lehrerin, die sie liebevoll Mrs. Q nennen, ein Tagebuch, in das sie jede Woche ihre Empfindungen eintragen sollen. Doch was sie beim Schreiben erleben, damit hätte keiner von ihnen gerechnet. Sie gelangen nach Belzhar, die Welt ihrer eigenen Vergangenheit. Sie tauchen zurück in die Zeit, bevor das Trauma ihr Leben zerstörte; eine Zeit, als sie noch glücklich waren. Jam kann die intensive Zeit mit Reeve erneut erleben und stürzt sich hinein in ihr altes Leben. Doch die Seiten des Tagebuchs nähern sich dem Ende zu und Jam muss sich entscheiden: möchte sie für immer in der Vergangenheit leben – oder gibt sie ihrer Zukunft eine Chance?


„Ich wünschte, er könnte dieses gute Gefühl immer haben, nicht nur in Belzhar. Ich will mich auch gut fühlen. Nicht nur dort, sondern auch hier. Und in diesem Augenblick, hier bei Griffin, glaube ich, dass es möglich sein könnte.“

Das Buch hat mich überrascht, da Meg Wolitzer im Gegensatz zu ihrem Roman „Die Interessanten“, der vollkommen realistisch ist, in diesem Roman auch mit fantastischen Inhalten aufwartet. Zunächst war ich enttäuscht, da ich eine realistische Lektüre zum Thema erwartet hatte. Doch im Nachhinein muss ich sagen, dass die Idee der Autorin funktioniert hat. In Belzhar sind die Jugendlichen Gefangene ihrer glücklichen Erinnerungen. Sie leben in der Vergangenheit, da für sie die Gegenwart und ihre Zukunft unerträglich scheinen. Genau das ist es, was vielen Trauernden wiederfährt.

Toll fand ich auch die Idee, dass die Teenager Halt in der Literatur finden. Der Roman hat mich neugierig gemacht auf die Werke und das Leben der Schriftstellerin Sylivia Plath, die selbst unter einer bipolaren Störung litt und sich umbrachte, indem sie Schlafmittel schluckte und sich, wie furchtbar, im Backofen vergaste, während ihre Kinder im Nebenzimmer schliefen. Ich will mich demnächst an ihr Werk „Die Glasglocke“ begeben und anschließend die fiktive Autobiografie ihres Ehemannes Ted Hughes „Du sagst es“ aus der Feder von Connie Palmen lesen.

„Alle hören ihr aufmerksam zu. Wir reden hier über den Roman, oder? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sprechen wir über uns. Ich schätze, das kann passieren, wenn man sich mit einem Buch beschäftigt.“

Auch gut fand ich persönlich das Ende des Romans, das eine überraschende Wendung birgt, die aber wohl die Meinungen der Leserschaft spaltet. Ich möchte an dieser Stelle nicht mehr verraten, aber ich fand sie aus diversen Gründen, die ich nicht näher ausführen kann ohne zu spoilern, gelungen.

Der Schreibstil von Meg Wolitzer ist gewohnt flüssig. Die Sprache allerdings angepasst auf die jugendliche Zielgruppe (das Buch wird Leserinnen und Lesern ab 14 Jahren empfohlen). Da das Buch an eine andere Zielgruppe adressiert ist als die anderen Romane der Autorin, sind die Bücher nicht vergleichbar. Mich persönlich hat „Die Interessanten“, welches mich damals zum Bloggen gebracht hat, mehr angeprochen. Daher nun zu meinen Kritikpunkten…

Bei diesem Thema hatte ich ein emotionaleres Buch erwartet. Das Thema hat mich sehr angesprochen und ich bin von einer tränenreichen Lektüre ausgegangen. Der Roman lässt sich toll lesen, aber so richtig mitgerissen und hundertprozentig überzeugt haben mich die Geschichte und ihre Charaktere nicht.

Es ist ein Buch über traumatisierte Teenager, in denen die eigentlichen Traumata nur oberflächlich angekratzt werden.  Die Bewältigung ging mir zu vereinfacht von statten. Ich bin natürlich keine Psychologin und keine Traumaexpertin, aber die Autorin hat es meiner Meinung nach nicht geschafft, die Komplexität psychischer Erkankungen und deren Bewältigung einzufangen. Man merkt an dieser Stelle, dass es sich um ein Jugendbuch handelt, dem teilweise die Tiefe fehlt. Aber das hätte die jugendliche Zielgruppe vielleicht auch überfordert.

Meg Wolitzer macht es mir diesmal schwer, zu einer Wertung zu gelangen. 3 Sterne scheint mir zu wenig, 4 zu viel. Bei „Was uns bleibt ist Jetzt“ handelt es sich um das erste Jugendbuch der Autorin, das man wie ich finde durchaus auch erwachsenen Lesern empfehlen kann. Es ist ein Buch, das mich trotz der Kritikpunkte schon irgendwie bei der Stange gehalten hat. Und in jedem Fall ist es ein Plädoyer für das Leben. Da es aber nicht vergleichbar mit dem Lesevergnügen der anderen Bücher in meiner 4-Sterne-Kategorie war, runde ich mal ab auf drei Sterne.

Der erste Satz

„Man hat mich wegen eines Jungen hierher geschickt.“

Buchinformationen

Was uns bleibt ist jetzt von Meg Wollitzer, Hardcover, erschienen im November 2004 im cbt Verlag (Verlagsgruppe Random House), 384 Seiten, 17,99 Euro
Originaltitel: Belzhar, Originalverlag: Penguin, US, aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis

Über die Autorin

„Meg Wolitzer veröffentlichte zahlreiche preisgekrönte und erfolgreiche Romane, zuletzt die von Publikum und Presse gelobten Romane „Die Interessanten“, „Die Stellung“ sowie „Die Ehefrau“. Ihre Kurzgeschichten erschienen in der Sammlung „The Best American Short Stories“ und zwei ihrer Bücher wurden verfilmt. Viele ihrer Romane standen auf der New York Times Bestsellerliste. „Was uns bleibt ist jetzt“ ist ihr erster Roman für jugendliche Leser. Meg Wolitzer lebt mit ihrer Familie in New York City.“


Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur, Jugendroman, Roman
Subjects: Depression, Erste Liebe, Freundschaft, Internat, Jugend, Leben, Leben im Jetzt, Liebe, Literatur, Psychische Erkankung, Tod, Trauer, Trauerbewältigung, Trauma, Verlust

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