Die Geschichte einer unmöglichen Liebe – Wir sehen uns am Meer

USA, 2003. Die Israelin Liat trifft in New York auf den Palästinenser Chilmi. Die beiden verlieben sich unsterblich ineinander. Doch Liat, die nur für ein halbes Jahr in New York lebt, weiß, dass ihre Liebe nach der Rückkehr in ihre Heimat Tel Aviv keine Chance haben wird. Zu groß sind die Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern, zu tief sitzen die Ängste und Vorurteile der verfeindeten Völker. Aber auch hier, in New York und fernab des Konfliktes, belastet ihre Herkunft die Beziehung stets auf’s Neue. Wie ausweglos ist die Situation der beiden Liebenden? Hat ihre Liebe eine Chance?

Dorit Rabinyan_Wir sehen uns am Meer

‚Wir sehen uns am Meer‘ ist die Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen einer Jüdin und einem Moslem, die auf leise Art nachdenklich stimmt. Das mag dem einen oder anderen vielleicht nicht gefallen, denn tatsächlich passiert – bis auf ein überraschendes Ende – gar nicht so viel in diesem Buch. Es dominieren die leisen Töne und meiner Ansicht nach schafft es die Autorin Dorit Rabinyan gerade dadurch, auf die Situation der Menschen in Israel und dem Westjordanland und auf die tief sitzenden Ressentiments zwischen Juden und Arabern aufmerksam zu machen. Sie tut dies hintergründig. Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen der Studentin Liat und dem Maler Chilmi. Wer dieses Buch liest, sollte sich also darüber bewusst sein, dass es in erster Linie ein Liebesroman ist – und kein politischer.

Natürlich verfolgt jeder halbwegs politisch Interessierte die Konflikte zwischen Israel und dem Westjordanland. Doch das Buch öffnet seinen Lesern dennoch die Augen und weckt Verständnis für beide Seiten, Israelis und Palästinenser, denn es beleuchtet die Sichtweisen und Ängste der beiden Völker. Diese kommen beispielsweise bei einem Abendessen, während einer Diskussion von Liat mit Chilmis Bruder Wassim, zur Geltung.

{…} „die Besetzung ist nicht mehr rückgängig zu machen“, schon hat er sich einen neuen Zahnstocher genommen und hält ihn zwischen den Fingerspitzen wie eine Nadel, „ebenso wenig wie die jüdischen Siedlungen, die sich im Gazastreifen und im ganzen Westjordanland ausgebreitet haben, ebenso wenig wie die systematische Inbesitznahme unserer Straßen, unserer Ländereinen und unserer Wasserquellen durch die israelischen Kolonialisten, ebenso wenig wie vierzig Jahre Militärregierung und die damit einhergehende brutale Unterdrückung…“ {…}

„Ich frage dich allen Ernstes“, wende ich mich wild atmend wieder an Wassim und reibe mir Speichelflocken aus den Mundwinkeln. „Wie willst du garantieren, dass nicht eine Unterdrückung die andere ablöst? Eine Besetzung die andere? Wie sollen wir“, ich klopfe eindringlich auf den Tisch, „als jüdische Minderheit in einer Mehrheit von muslimischen Arabern existieren? Wie können wir sicher sein, dass eine Katastrophe wie die Schoa sich nicht wiederholt?“ {…} 

Der Roman macht deutlich, dass es in diesem Konflikt keine eindeutige Zuordnung von Richtig und Falsch, von Gut und Böse gibt. Und er macht schmerzlich bewusst, dass eine Lösung der Auseinandersetzungen durch eine Berücksichtigung beidseitiger Interessen in unerreichbarer Ferne scheint. Als Leser spürt man förmlich die innere Zerrissenheit und die unüberwindbaren Ängste, die Liat und Chilmi ständig begleiten – auch fernab der Heimat… Und den Wunsch nach Frieden.

„Warum mussten ausgerechnet wir beide, die wir uns doch so nahe waren und uns liebten, immer wieder dort scheitern, wo die ganze Welt seit Jahren ebenfalls scheitert?“ 

Sprachlich ist das Buch ein Highlight; das Lesen eine wahre Freude. Zugegeben, an manchen Stellen driften die Beschreibungen ins Kitschige ab – manche mögen es poetisch finden. Mir persönlich war es hin und wieder etwas zu too much.

„Mein Körper reagiert, lässt sich entflammen, ergibt sich ihm, öffnet sich wie ein Fächer. {…} …bis die Seele in mir erblüht.“ 

Das Buch spielt zum überwiegenden Teil im New Yorker Winter und lässt die Metropole vor dem inneren Auge aufleben, aber Dorit Rabinyan entführt uns auch nach Tel Aviv und ins Westjordanland und die Schönheit ihrer Beschreibungen wecken den Wunsch, dieses Land trotz seiner Spannungen einmal zu bereisen.

Das israelische Erziehungsministerium hat den Roman von der Lektüreliste der Schulen gestrichen  und gerade durch dieses Verbot einen Hype um das Buch ausgelöst. Das Verständnis einer Liebe zwischen Juden und Arabern widerspricht dem israelischen Erziehungssystem. Doch zahlreiche israelische Künstler und Schriftsteller stellten sich gegen den Boykott. Ich kann mich dem nur anschließen.

‚Wir sehen uns am Meer‘ ist eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von Glaube, Tradition & Familie. Es geht um die Suche einer jungen Frau nach ihrer eigenen Identität und ihrer eigenen Meinung, die durch Erziehung und durch die Gesellschaft, in der sie aufwuchs unüberwindbar geprägt scheint.

Der erste Absatz

„Jemand war an der Tür. Der Lärm in der Wohnung übertönte das zurückhaltende Zirpen, und erst als es ungeduldig, länger und aggressiver wurde, riss es mich aus meinen Gedanken.“

Buchinformationen

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, erschienen im August 2016 im KiWi-Verlag (Kiepenheuer&Witsch), 384 Seiten, 19,99 Euro. Titel der Originalausgabe: Gader Chaiija/Borderlife. Aus dem Hebräischen von Helene Seidler

Über die Autorin

Dorit Rabinyan wurde als Tochter einer iranisch-jüdischen Familie in Israel geboren. Ihre beiden Romane »Unsere Hochzeiten« und »Die Mandelbaumgasse« waren Bestseller und wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Dieser dritte Roman wurde ebenfalls in Israel ein Bestseller und erscheint in zahlreichen Ländern. Er wurde mit dem wichtigen Bernstein-Preis ausgezeichnet.“


Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur, Liebesroman, Politischer Roman, Roman
Subjects: Arabisch, Erziehung, Familie, Gesellschaft, Glaube, Hebräisch, Heimat, Islam, Israel, Israel-Konflikt, Judentum, Konflikt, Leidenschaft, Liebe, Malerei, New York, Palästinenser, Ramallah, Schicksal, Tel Aviv, USA, Verlust, Völkerkonflikt, Vorurteile

2 Reaktionen

  1. Julia | Literameer
    Julia | Literameer um · Antwort

    Hallo,

    von dem Buch habe ich schon gehört, ich war mir bislang aber unsicher, ob es etwas für mich ist oder nicht. Deine Rezension hat mich nun aber überzeugt und das Buch ist somit auf meine Wunschliste gewandert. Danke dafür

    Liebe Grüße
    Julia

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