„Wenn Ivy heute an jenen Tag dachte, dann sah sie ihn in Sepiabraun vor sich, wie in orangerote Gaze gehüllt, und jede Bewegung von damals schien weich geworden durch das Leben, das weitergegangen war. Das war die Zeit vor dem Tod gewesen, hatte sie das Gefühl, bevor der Tod in ihrem Leben begann, als Tatsache eine Rolle zu spielen. In gewisser Weise lag darin Ewigkeit.“
England. 1938: Die 19-jährige Ivy steht am Anfang ihres Lebens – voller Sehnsüchte und potentieller Möglichkeiten. Doch ein einschneidendes Erlebnis verändert ihren Blick auf die Zukunft nachhaltig. Aufgewachsen in einer unkonventionellen Familie voller Künstler, Schriftsteller und Freigeister muss sie zwischen Verlust, Kreativität, Freiheit und innerer Unsicherheit ihren eigenen Weg suchen. Ivy entscheidet sich für ein angepasstes Leben als Ehefrau und Mutter, doch bleibt dabei stets auf der Suche – nach Orientierung, Zugehörigkeit und einem Platz für ihre Sehnsüchte.
In Tage des Lichts begleiten wir Ivy an sechs ausgewählten Tagen zwischen 1938 und 1999. Sechs Momentaufnahmen, die ein ganzes Frauenleben widerspiegeln – geprägt von Erinnerungen, Entscheidungen und der Frage, wie sehr wir unser eigenes Glück beeinflussen können.
Ein leiser, poetischer Roman über Zeit, Verlust, Liebe und die Suche nach sich selbst.
Mit Megan Hunter‘s Roman Tage des Lichts begleiten wir die Protagonistin an sechs ausgewählten Tagen ihres Lebens – zwischen 1938 und 1999. Diese wenigen Momentaufnahmen stehen stellvertretend für ein ganzes Frauenleben und zeigen, wie sehr ein einzelnes Ereignis den Lebensweg prägen und wie schwierig es sein kann, unter familiären Erwartungen den eigenen Weg zu finden.
„Als sie damals ihren allerersten Schultag gehabt hatte, rechnete man damit, dass sie außergewöhnlich sein würde, angesichts der Familie, aus der sie stammte, die Tochter von Künstlern – noch dazu berühmten. Doch als sich herausstellte, dass sie zu ihrer Überraschung über keinerlei besondere Talente verfügte, hatte man offenbar nur noch auf das Gewöhnliche gehofft, und dass Ivy einfach sein würde wie die anderen. Mädchen ohne Talente sollten wenigstens gut in Sport sein, oder zumindest eine Frohnatur, sie sollten liebenswert sein oder eine andere, hilfreiche Eigenart haben. Mädchen ohne Talente hatten nicht das Recht, eine philosophische Ader oder einen Sinn fürs Morbide zu haben.“
Die Grundidee des Romans ist stark: Anhand kurzer, verdichteter Szenen entfaltet sich ein Panorama von Trauer, verpassten Chancen, unterdrückten Gefühlen und späten Erkenntnissen. Schuld, Sehnsucht, Kreativität und die Suche nach Identität ziehen sich wie ein roter Faden durch Ivys Geschichte.
Der Erzählstil ist leise, ruhig und sehr lyrisch, mir an einigen Stellen schon zu poetisch, mit vielen Andeutungen und Leerstellen. Das Werk einer Autorin, die gleichzeitig auch Dichterin ist. Vieles bleibt unausgesprochen und erschließt sich nur zwischen den Zeilen. Das fordert die Leserinnen und Leser heraus, Ivys Gefühlswelt selbst zu ergänzen und zu interpretieren. Für mich war genau das zugleich Stärke und Schwäche des Romans. Einerseits entsteht eine besondere, melancholische Atmosphäre, die nachwirkt. Einzelne Formulierungen sind sehr schön und ungewöhnlich – und bleiben im Gedächtnis. Die ländliche Abgeschiedenheit, die unkonventionelle Künstlerfamilie und der damit verbundene Druck sowie die allgegenwärtige Abwesenheit eines Familienmitglieds werden eindrucksvoll vermittelt. Andererseits blieb mir Ivy emotional oft fern. Ihre Trauer, ihre Zerrissenheit und ihre Liebe in allen Facetten sind nachvollziehbar, aber nicht immer spürbar. Ich hätte mir gewünscht, ihr näherzukommen.
Viele wichtige Erlebnisse und Verluste werden angedeutet, mäandern an der Oberfläche. Wer gerne tief in Figuren eintaucht und Entwicklungen ausführlich miterlebt, könnte diese Zurückhaltung als unbefriedigend empfinden.
Thematisch greift der Roman zahlreiche große Fragen auf: Trauer und Hoffnung, Anpassung und Freiheitsdrang, queere Liebe und Familie, Krieg, Religion, Kreativität und Kunst sowie die Suche nach Halt und Lebenssinn. Tage des Lichts ist ein stiller, poetischer und nachdenklicher Roman mit einer starken Idee und einer besonderen Atmosphäre. Wer leise Literatur mit offenen Deutungsräumen schätzt, wird hier fündig. Leserinnen und Leser, die einen fesselnden, emotional zugänglichen Roman erwarten, könnten jedoch enttäuscht werden.
Für mich blieb das Buch trotz seines literarischen Anspruchs auf Distanz. Der Funke sprang nicht ganz über.
Fazit
Ein melancholischer, fein komponierter Roman über ein Frauenleben im 20. Jahrhundert – atmosphärisch dicht, aber emotional zurückhaltend. Für mich persönlich etwas zu lyrisch und insgesamt zu distanziert, um mich vollständig abzuholen.
„Ivy spürt, wie alles zusammenkommt, sich vereint, wie das Leben über sie hinwegströmt, voller Würde, sie willkommen heißt. Da ist Licht, so rätselhaft wie das, was sie vor vielen Jahrzehnten über ihrem Kopf gesehen hat und von dem sie immer noch nicht weiß, was es war.“
Der erste Satz
„Wenn Ivy zurückblickte, dann erinnerte sie sich an Folgendes.“
Buchinformationen
„Tage des Lichts“ von Megan Hunter, erschienen am 30. Januar 2026, 304 Seiten, Hardcover, aus dem Englischen von Judith Schwaab, erschienen bei C.H. Beck, 24 Euro.
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Über die Autorin
„Megan Hunter, geboren 1984 in Manchester, ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, Dichterin und Drehbuchautorin. Bei C.H. Beck erschienen ihre Romane „Vom Ende an“ (2017) und „Die Harpyie“ (2021), der derzeit als Serie adaptiert wird. Megan Hunter lebt in Cambridge.“
Subjects: 20. Jahrhundert, Beruf, Boheme, Ehe, England, Familie, Freundschaft, Geschwister, Gesellschaft, Glaube, Kinder, Krankheit, Krieg, Kunst, Leben, Lebenswege, Leidenschaft, Liebe, Mutterschaft, Schriftstellerei, Schuld, Sehnsucht, Selbstverwirklichung, Tod, Trauer, Traum, Verlust