„Aber du bist seine Mutter! Du hast ihn jeden Tag gesehen. Da muss doch was gewesen sein.“ Das Rauschen in Ninas Ohren blendete Alexanders Stimme aus. Als schlüge ein gigantisches Meer über ihnen zusammen.
Deutschland. Hinter der Fassade einer scheinbar perfekten Familie brodelt es – und es bröckelt: Mutter Nina, Vater Alexander sowie die Kinder Ben und Emilia kämpfen mit ihren Geheimnissen, gefangen im jeweils eigenen Dilemma.
Was nach außen hin funktioniert, droht innerlich zu zerbrechen. Stück für Stück eskalieren unausgesprochene Konflikte und stellen die Frage: Wie viel hält eine Familie aus, bevor sie auseinanderfällt?
Kira Mohn gelingt es, den Leser ohne Umschweife in das Innenleben einer Familie zu werfen, deren brüchige Fassade von Beginn an spürbar ist. Was nach außen hin als funktionierende Einheit erscheint, entpuppt sich bereits in den ersten Begegnungen als Gefüge aus Distanz, Entfremdung und unausgesprochenen Konflikten. Eine wirklich „glückliche“ Familie ist hier zu keinem Zeitpunkt erkennbar – und genau das macht den Einstieg in den Roman eindringlich.
Die wechselnden Erzählperspektiven geben Einblicke in die Gedankenwelt von Nina, Alexander, Ben und Emilia. Dieses Stilmittel sorgt dafür, dass alle Figuren greifbar werden, führt jedoch gleichzeitig zu einem für mich zentralen Schwachpunkt des Buches: Es wird schlicht zu viel erzählt. Die Autorin greift eine Vielzahl gewichtiger Themen auf – von Ehekrise, Entfremdung und Identitätsverlust über sexuelle Orientierung, emotionalen Missbrauch und sexuelle Belästigung bis hin zu Selbstwert, erster Liebe und Suizidgedanken in der Pubertät, um nur einige zu nennen. Jedes dieser Themen hätte für sich genommen schon ein großes erzählerisches Potenzial, doch in der Summe wirkt die Geschichte etwas überladen und bleibt eher an der Oberfläche.
Aber natürlich war das nur einer dieser absurden Gedanken, die man manchmal hatte, wie sich mit dem Messer, mit dem man gerade Brot schnitt, in die empfindliche Haut an der Innenseite des eigenen Handgelenks zu schneiden. Man konnte den Schmerz beinahe schon fühlen, aber das war irre, völlig durchgeknallt, man tat es nie.
Kira Mohn schafft es dennoch, in scheinbar banale Alltagssituationen eine spürbare Spannung zu legen, die das Gefühl vermittelt, dass jederzeit etwas eskalieren könnte – und das tut es im Verlauf der Handlung auch. Viele Konflikte werden angerissen, aber nicht in der Tiefe erzählt, sodass die emotionale Wirkung für mich begrenzt blieb.
Die Figuren selbst bieten durchaus interessante Ansätze: Nina ringt mit einer Leere und Entfremdung nach Jahren der Selbstaufgabe, Alexanders selbstgerechte und patriarchale Haltung erzeugt Unbehagen und die Geschwister Emilia und Ben überzeugen durch nachvollziehbare jugendliche Naivität und Unsicherheiten. Doch trotz dieser vielversprechenden Ausgangspunkte blieben für mich persönlich alle vier auf Distanz. Ihre inneren Kämpfe verlaufen weitgehend isoliert, wodurch echte Entwicklung und Nähe zum Leser kaum entstehen.
Sprachlich ist der Roman nüchtern, klar und gut lesbar. Gerade durch das hohe Erzähltempo entsteht ein gewisser Lesesog, weniger, weil man emotional involviert ist, sondern weil fortlaufend neue Konflikte auftauchen. Nachhaltig blieb bei mir jedoch wenig hängen, die Geschichte hat mich nach dem Lesen der letzten Seite nicht weiter beschäftigt. Besonders das abrupte Ende verstärkt den Eindruck, dass wesentliche Teile fehlen oder nicht zu Ende gedacht wurden. Ein offener Ausgang, der für mich an dieser Stelle nicht ganz passend ist.
Fazit
Alle glücklich ist ein dichter, aber inhaltlich etwas überfrachteter Roman, der viele wichtige Themen anschneidet, ohne ihnen Tiefe zu geben. Die Grundidee einer zerfallenden Familie ist stark, hätte für mich jedoch von mehr Fokus profitiert. So bleibt am Ende eine Geschichte, die zwar sehr gut lesbar ist, aber emotional nicht die Wirkung entfaltet, die sie hätte haben können. An den Roman der Autorin Die Nacht der Bärin kommt diese Geschichte in meinen Augen nicht heran.
„Und welche Superkraft wolltest du schon immer mal haben?“
“Welche Superkraft?“ Nina lachte auf. „Als Kind wollte ich mit Tieren sprechen können.“
“Und jetzt?“
„Würde ich gern meine Kinder verstehen und die richtigen Worte für sie finden.“
Der erste Satz
„Emilia! Herrgott, das gibt’s doch nicht!“
Buchinformationen
„Alle glücklich“ von Kira Mohn, erschienen 2026, 288 Seiten, Hardcover, erschienen bei HarperCollins, 24 Euro
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Über die Autorin
„Kira Mohn, 1972 geboren, ist eine deutsche Bestsellerautorin. Bevor sie als freie Journalistin und Texterin arbeitete, hat sie Psychologie und Pädagogik studiert. Heute widmet sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und lebt mit ihren Kindern in München.“
Subjects: Affäre, Beruf, Ehe, Einsamkeit, erwachsen werden, Familie, Freundschaft, Geschwister, Gleichgeschlechtliche Beziehung, Jugendliebe, Kinder, Leben, Lebenswege, Leidenschaft, Liebe, Mutterschaft, Selbstverwirklichung, Sexuelle Belästigung