„Was ist schon ein normaler Mensch“, fragt er mich. „Hast du schon einen getroffen?“
München/New York/Wien. Bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter landet ausgerechnet alles, was persönlichen Wert hatte, versehentlich in der Müllverbrennungsanlage. Zurück bleibt nur der Abfall. Und dem Ich-Erzähler bleiben nur die Erinnerungen. Auf der Suche nach sich selbst blickt er auf seine Familie zurück, die über Generationen von psychischen Erkrankungen geprägt ist und stellt sich der beunruhigenden Frage, ob sich dieses Erbe auch in ihm fortsetzt. Schließlich landet auch er selbst in der Anstalt, aber als Psychologe. Und ausgerechnet hier schöpft er Hoffnung, die Geschichte seiner Familie in ein neues Licht zu rücken.
Von den verlorenen Erinnerungen aus entfaltet Leon Engler einen Roman, der weit mehr ist als eine Familiengeschichte. Er blickt zurück auf Generationen psychischer Erkrankungen, auf Depressionen, Schizophrenie, Psychopathie, Alkoholismus und Bipolarität. Doch statt Diagnosen aneinanderzureihen, erzählt der Autor von den Menschen dahinter und von der Angst, selbst Teil dieses Erbes zu werden.
„Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit. Bis hierhin ist also alles so, wie es immer gewesen ist, beinahe normal. Kinder von Ärzten studieren überdurchschnittlich häufig Medizin; Kinder von Patienten werden überdurchschnittlich häufig wieder zum Objekt der Medizin.
Der Ich-Erzähler ist ständig unterwegs, zieht von Stadt zu Stadt, sucht nach einem Platz für sich und flieht gleichzeitig vor der Frage, ob sich das familiäre Muster irgendwann auch in ihm fortsetzt. Umso spannender ist der Weg, der ihn schließlich in die Psychiatrie führt, allerdings nicht als Patient, sondern als Psychologe. Dort gewinnt er ein völlig neuen Blick auf seine Patienten und deren Diagnosen, und auch auf das Leben und unsere Gesellschaft.
“Oft folgt eine Depression auf einen Schicksalsschlag oder Beziehungsabbruch: Verlust, Überforderung oder Scheitern. Doch mehr als ein Gefühl von Verlust ist sie ein Verlust von Gefühl. Die Depression ist nicht nur geistig oder körperlich, sie ist eine Verstimmung des ganzen Menschen. Wie eine Gitarre, die einen Viertelton herabgestimmt ist und deren Stimmung nicht mehr zur Stimmung anderer Instrumente passt, die nicht mehr mitspielen kann.“
Was mich an diesem Debütroman so begeistert hat, ist die Verknüpfung aus Emotion und fachlicher Tiefe. Beim Lesen spürt man, dass Leon Engler Psychologie studiert hat. Psychiatrische Krankheitsbilder werden differenziert und so einzigartig und nachvollziehbar beschrieben, dass es einem beim Lesen wirklich die Augen öffnet. Immer wieder fließen auch Einblicke in die Geschichte der Psychiatrie ein. Das wirkt nie belehrend, sondern bereichert den Roman und den eigenen Horizont. Man bekommt einen völlig neuen Blick auf psychische Erkrankungen und die Menschen dahinter, auf das was normal ist und normal sein sollte.
„Ein Mensch ist nie einfach ein Borderliner, eine Depressive, eine Schizophrene. Er ist ein Mensch, der eine Lebensaufgabe nicht mehr bewältigen kann. Die Krankheit entsteht aber nicht in ihm, sondern zwischen uns, in den Beziehungen, in der Welt. […] Es gebe keine klaren, körperlichen Anzeichen für psychische Störungen. Diagnosen sind Deutungen, keine harten Fakten. Der Unterschied zwischen normal und nicht normal? Oft willkürlich.“
Oder
„Die längste Zeit war das Fach der Psychiatrie gespalten, hatte unzählbar viele Vorschläge, wie man Geisteskrankheiten nennen und ordnen könnte. Aber wenn ich eines in meinem Studium gelernt habe, dann, dass die Seele eine vage Idee ist. Sie entwischt dem menschlichen Wunsch nach Eindeutigkeit immerzu.“
Und dann ist da noch Leon Englers Sprache, voller Sprachwitz und mit einem messerscharfen Blick auf Menschen und ihre Widersprüche.
Trotz der schweren Thematik liest sich das Buch erstaunlich leicht, weil jeder Satz sitzt und jede Beobachtung Gewicht hat. Ich hatte irgendwann schlicht nicht mehr genug Post-its, um all die Stellen zu markieren, die ich am liebsten sofort noch einmal gelesen hätte.
Fazit
Botanik des Wahnsinns ist ein außergewöhnliches Debüt, klug, berührend und sprachlich brillant. Ein Roman über Familie, Erinnerung, psychische Erkrankungen und das Leben, der noch lange nachwirkt und meinen Blick auf die Psyche des Menschen nachhaltig beeinflusst hat.
„Ich gehe ins Bad, schaue in den Spiegel und werde alt. Der Nachbar flüstert mir ins Ohr: Irgendwann ist jeder Mensch für sein Gesicht selbst verantwortlich. Manche Sätze bleiben kleben. Manche Menschen auch. Ich denke an die Gesichter meiner Eltern. Meine Mutter hat früh ihr Lächeln eingeübt. Den träumerischen Blick hat sich mein Vater sicher auch hart erarbeitet. Man kann sich in den Schmerz eingraben wie in einen Bergstollen. Aber ich könnte auch etwas anderes tun. Ich könnte sagen: es ist nicht leicht, nicht hell, nicht schön, aber es ist in Ordnung. Wir nennen das das Leben.“
Der erste Satz
„Am Ende bleiben sieben Kartons.“
Buchinformationen
„Botanik des Wahnsinns“ von Leon Engler, 208 Seiten, Taschenbuch, erschienen am 11.8.2026, 14 Euro, erschienen im DuMont Buchverlag. Hardcover erschienen am 12.8.2025, 24 Euro.
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Über den Autor
„Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. ›Botanik des Wahnsinns‹ ist sein Debütroman, mit dem er auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis stand.“
Subjects: Angst, Bücher, Deutschland, Einsamkeit, Familie, Flucht, Freundschaft, Gesellschaft, Glück, Krankheit, Leben, Leben im Jetzt, Lebenswege, Liebe, München, Mutterschaft, New York, Psychische Erkankung, Psychologie, Schicksal, Verlust, Wien