Was ich liebte

„Jede Geschichte, die wir über uns erzählen, kann nur in der Vergangenheit erzählt werden. Sie spult sich von dort, wo wir heute stehen, nach rückwärts ab, und wir sind nicht mehr ihre Akteure, sondern ihre Zuschauer, die sich entschieden haben, zu sprechen. Manchmal ist die Spur hinter uns mit Steinen markiert, wie die, die Hänsel hinter sich fallen ließ. Dann wieder ist die Fährte fort, weil bei Sonnenaufgang die Vögel herabgeflogen sind und alle Krumen aufgepickt haben. Die Geschichte huscht über die Lücken und füllt sie mit der Hypotaxe eines „und“ oder „und dann“. Ich habe es auf diesen Seiten ebenso gemacht, um auf einem Weg zu bleiben, der, wie ich weiß, von flachen Mulden und tiefen Löchern unterbrochen ist.“

Soho/New York. Zwei Männer, zwei Familien und eine Freundschaft, die über Jahrzehnte hinweg ihr Leben prägt… In Was ich liebte erzählt Siri Hustvedt von Liebe, Kunst, Elternschaft, Freundschaft, Krankheit, Verlust und Verrat. Zwischen New Yorks Kunstszene und dem Privatleben der Protagonisten entfalten sich Geschichten verschiedener Lebensentwürfe und Schicksale – und die Frage, wie fragil das Glück ist oder wie gut wir die Menschen kennen, die uns am nächsten stehen.

Was ich liebte? Eindeutig dieses Buch! Wer es noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen. Soviel vorweg!

Mit großer Sensibilität und psychologischer Tiefe schreibt Siri Hustvedt über Liebe und deren Vergehen, über Elternschaft, die Liebe zur Kunst, psychische Gesundheit und darüber, wie eng Glück und Schmerz oft miteinander verwoben sind. Vor allem aber erzählt sie von Freundschaft, von den Menschen, die uns ein Leben lang begleiten, uns prägen und manchmal auch gemeinsam mit uns zerbrechen.

Aus der Perspektive des jüdischen New Yorker Kunsthistorikers Leo entfaltet sich eine Geschichte, die weit über Kunst und New York hinausgeht. Es ist ein Roman über die Spuren, die Menschen im Leben anderer hinterlassen, über Erinnerungen, die uns formen, und darüber, wie zerbrechlich das Gleichgewicht von Familie und Glück sein kann.

“…manchmal spürte ich, dass ihre Vertrautheit so unerschrocken und unbändig war, wie ich selbst es noch nie erlebt hatte, und das Bewusstsein dieses Mangels in mir machte mich irgendwie ruhelos. Das Gefühl hinterließ einen schalen Geschmack in meinem Mund, und ich litt an einer durch nichts zu befriedigenden Sehnsucht. Was ich empfand, war weder Hunger noch Durst oder sexuelles Verlangen. Es war ein undeutliches, aber ständig nagendes Bedürfnis nach etwas Namenlosem und Unbekanntem, das ich seit meiner Kindheit von Zeit zu Zeit verspürt hatte.“

Mich hat vor allem beeindruckt, mit welcher Feinfühligkeit Hustvedt über die Liebe schreibt und darüber, dass sie eben nicht immer ein Leben lang bleibt. Genauso eindrucksvoll beschreibt sie Elternschaft, mit all ihren Hoffnungen, Ängsten und der Erkenntnis, dass Eltern ihre Kinder trotz aller Liebe nicht immer schützen können.

Pychische Gesundheit nimmt einen wichtigen Raum in diesem Buch ein, ohne jemals vereinfacht oder klischeehaft dargestellt zu werden. Überhaupt spielen zahlreiche psychologische Themen eine Rolle, wie psychische Krisen, Hysterie, antisoziale und dissoziative Persönlichkeitsstörungen oder Essstörungen.

“Magerkeit inmitten von Fülle signalisiert einen Triumph über den gewöhnlichen Trieb, Fettleibigkeit die Schutzpolsterung durch übermäßiges Essen gegen alle Angriffe von außen. Violet zitierte Psychologen, Analytiker und Ärzte. Sie setzte sich mit der weit verbreiteten Ansicht auseinander, dass vor allem Anorexie bei Mädchen einen fehlgeleiteten Wunsch nach Autonomie ausdrückt, indem ihr Körper zum Schauplatz einer Rebellion wird, die sie mit Worten nicht ausdrücken können.“

Im Mittelpunkt des Romans steht die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Leo und Bill und den beiden Familien. Selten habe ich eine literarische Freundschaft gelesen, die so glaubwürdig, tief und vielschichtig gezeichnet ist. Sie trägt durch glückliche Zeiten ebenso wie durch unvorstellbare Verluste und zeigt, wie sehr Freundschaften ein Leben prägen können.

Dabei stellt Hustvedt immer wieder Fragen nach Identität, Lebensentwürfen, Wahrnehmung und Wahrheit. Wie gut kennen wir die Menschen, die wir lieben? Wie weit kann man in der Liebe für ein Kind gehen? Was bleibt von einem Menschen in den Erinnerungen anderer? Wie gehen wir mit Schuld, Trauer und Verlust um? Und wie zerbrechlich ist eigentlich das Glück?

Die Figuren sind dabei niemals nur gut oder böse, keine Einzige bleibt eindimensional. Stattdessen entfaltet sich eine Geschichte voller Zwischentöne, die zeigt, wie vielschichtig und komplex Beziehungen sind und das, was in unseren Köpfen vorgeht.

All das erzählt sie in einer ruhigen, klugen und poetischen Sprache, die nie aufdringlich wirkt und gerade deshalb eine enorme Kraft entfaltet. Was ich liebte ist kein Roman, den man schnell vergisst, sondern einer, der noch lange nach der letzten Seite nachhallt und den ich bestimmt noch einmal lesen werde. Für mich eines der beeindruckendsten literarischen Werke der vergangenen Jahrzehnte.

„Schreckliches mit Unmenschlichem gleichzusetzen schien mir schon immer ein bequemer Trugschluss, wenn auch nur, weil ich in ein Jahrhundert hineingeboren bin, das mit solchem Gerede ein für alle Mal hätte aufräumen sollen. Für mich wurde die Lampe zum Zeichen nicht etwa des Unmenschlichen, sondern des Allzumenschlichen, der Entgleisung, des Bruchs, der in Menschen stattfindet, wenn sie keine Bereitschaft zur Einfühlung mehr haben, wenn andere nicht mehr Teil ihrer selbst sind, sondern verdinglicht werden.“

Der erste Satz

„ Gestern fand ich Violets Briefe an Bill.“

Buchinformationen

„Was ich liebte“ von Siri Hustvedt, 480 Seiten, Taschenbuch, erschienen am 1.4.2004, 15 Euro, erschienen bei Rowohlt Taschenbuch. Übersetzt von: Uli Aumüller, Erica Fischer, Grete Osterwald

Buy Local! Hier online beim Buchhändler meines Vertrauens bestellen

Über die Autorin

Siri Hustvedt (*1955 in Northfield, Minnesota) ist nicht nur eine der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, sondern auch international anerkannte Wissenschaftlerin in den Gebieten Neurowissenschaften und Psychologie sowie Theoretikerin des Feminismus und engagierte Bürgerin. In ihrem Werk löst sie die Grenzen zwischen Belletristik, Neurowissenschaften, Psychologie, Philosophie und Kunstgeschichte auf. Hustvedt gilt damit als eine der profiliertesten Intellektuellen der Gegenwart, die in ihren Romanen und wissenschaftlichen Texten die Komplexität der menschlichen Wahrnehmung und Identität erforscht. In deutschsprachiger Übersetzung erscheint ihr Werk seit dem Debütroman «Die unsichtbare Frau» (1993) bei Rowohlt.“


Genre: Belletristik, Familienroman, Gegenwartsliteratur, Klassiker, Kunstroman, Liebesroman, Psychologischer Roman, Roman, US-Romane
Subjects: Affäre, Beruf, Bücher, Ehe, Erziehung, Essstörung, Familie, Feminismus, Freundschaft, Heimat, Judentum, Kinder, Krankheit, Kunst, Leben, Lebenswege, Leidenschaft, Liebe, Malerei, Migration, Nationalsozialismus, New York, Psychische Erkankung, Schreiben, Schriftstellerei, Selbstverwirklichung, Tod, Trauer, Trennung, USA, Verlust, Zusammenhalt

Ich freue mich über eure Kommentare, Fragen, Meinungen, Anregungen und und und :-) ...