Mein Leben war bis zu diesem Verlust ein stabiles und angenehmes gewesen. Eine verlässlich zugefrorene Fläche, auf der ich gutbürgerlich herangewachsen und wohlbehütet Schlittschuh gelaufen war. Doch jetzt knirschte und taute es gewaltig unter mir.
(Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke)
Amerika. München. Schleswig-Holstein. Kassel/Bielefeld/Dortmund. Berlin. Wien. In seiner autobiografischen Reihe „Alle Toten fliegen hoch“ erzählt Joachim Meyerhoff von seinem außergewöhnlichen Lebensweg – von der Kindheit auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik über seine Jugend in Amerika bis zu seiner Zeit als Schauspieler an großen Bühnen und Mann in den mittleren Jahren. Mit viel Humor, Selbstironie und berührender Offenheit schildert er Begegnungen, Verluste, familiäre und persönliche Abgründe und die kleinen wie großen Momente, die ein Leben prägen. Eine einzigartige Mischung aus Komik und Melancholie, die lange im Gedächtnis bleibt.

Auf dem Bild fehlt leider Band 1 Amerika, der irgendwo im Universum meiner Leihbücherei verschollen ist 😅…
Manchmal gibt es Bücher, die man nicht einfach liest – man lebt mit ihnen. Die sechsteilige Reihe „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff ist genau so eine literarische Reise: komisch, tragisch, skurril und dabei immer zutiefst menschlich.
Meyerhoff erzählt sein eigenes Leben, aber es fühlt sich nie wie eine klassische Autobiografie an. Stattdessen öffnet er die Tür zu einer Welt voller außergewöhnlicher Menschen, absurder Situationen und großer Gefühle. Da ist seine Kindheit auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik, ein Aufenthalt als Austauschschüler in Amerika und der Verlust seines Bruders, die chaotische Zeit an der Schauspielschule, während der er bei seinen Großeltern lebte, die Höhen und Tiefen des Theaterlebens und der Liebe, sein Schlaganfall und immer wieder die Frage, wie man seinen Platz im Leben findet.
Ich wollte endlich lernen, so zu gucken, als hätte ich ein Geheimnis, und nicht, als wäre mir die Welt eines. So, als wäre ich voller Rätsel und nicht die Welt ein riesengroßes.
(Alle Toten fliegen hoch. Amerika.)
- Alle Toten fliegen hoch. Amerika (2011): Mit 18 geht Meyerhoff für ein Jahr nach Amerika. Im ersten Band seiner 6-teiligen Reihe erzählt der Autor von der Sehnsucht eines Teenagers nach einem Neuanfang und vom Umgang mit einem unvorstellbaren familiären Verlust.
- Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (2013): Meyerhoff erzählt von seinem Aufwachsen als Sohn des Direktors auf dem Gelände einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Roman handelt von einer außergewöhnlichen Familie an einem außergewöhnlichen Ort, die ineinander hängt, aber auch auseinandergerissen wird.
- Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015): Meyerhoff wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht in die großbürgerliche Villa seiner doch sehr einmaligen, mondänen Großeltern.
- Die Zweisamkeit der Einzelgänger (2017): Nach seiner verstörenden Zeit an der Schauspielschule landet Meyerhoff als stabil erfolgloser Schauspieler in der tiefsten Provinz und begegnet seiner ersten großen Liebe.
- Hamster im hinteren Stromgebiet (2020): Meyerhoff wird mit einem Schlaganfall auf die Intensivstation in Wien eingeliefert. Als er das Krankenhaus verlassen kann, ist nichts mehr, wie es war.
- Man kann auch in die Höhe fallen (2024): Nach einem misslungenen Neuanfang in Berlin und einer Schaffenskrise zieht Meyerhoff mit Mitte Fünfzig zu seiner Mutter aufs Land.
Das Besondere an Meyerhoffs Erzählkunst ist die Mischung aus großartigem Humor und Melancholie. Man lacht laut über die skurrilen Momente und spürt im nächsten Augenblick eine tiefe Traurigkeit. Seine Figuren sind niemals perfekt – und gerade deshalb bleiben sie im Gedächtnis und man möchte sie alle im echten Leben kennenlernen. Sie sind eigenwillig, verletzlich und voller Leben. Und immer wieder: wahnsinnig lustig. „Komik als Schlupfloch aus der eigenen Hilflosigkeit“, wie der Autor selbst schreibt.
Ich habe den Schauspieler erst durch seine Bücher kennengelernt und würde ihn wahnsinnig gerne mal treffen und mich mit ihm unterhalten.
Angst und Langeweile vertrugen sich ganz ausgezeichnet. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass man wochenlang auf der faulen Haut liegen und derart entspannt vor sich hin implodieren konnte. Die auf dem Sofa verbrachten Stunden nahmen bizarre Formen an, und oft wusste ich nicht mehr, wo ich aufhörte und die Couch begann.
(Man kann auch in die Höhe fallen)
Besonders beeindruckend ist, wie ehrlich Meyerhoff über Familie, Verlust, Liebe und das eigene Scheitern schreibt. Er macht aus persönlichen Erfahrungen keine Heldengeschichte, sondern zeigt das Leben in all seinen Widersprüchen: manchmal wunderschön, manchmal schmerzhaft, oft skurril, aber immer echt. Die vielen kleinen und großen Momente eines Lebens werden hier ganz einzigartig betrachtet.
Tag und Nacht wach auf dem inneren Hochsitz hocken und Ausschau nach Symptomen halten. Das Innen als ewiger Echoraum der Sorge.
(Hamster im hinteren Stromgebiet)
Diese Reihe ist ein literarisches Geschenk für alle, die Geschichten über Menschen lieben, ihre Eigenheiten, ihre Abgründe und die kleinen Momente, die plötzlich ganz groß werden. Ein Buchprojekt, das lange nachhallt und das man am liebsten noch einmal von vorne beginnen möchte.
Fazit
Eine außergewöhnliche Reise durch ein außergewöhnliches Leben. Humorvoll, berührend und voller unvergesslicher Szenen. Eine der eindrucksvollsten autobiografischen Reihen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ich habe jedes einzelne Buch geliebt und bin neidisch auf jeden, der die Reihe noch vor sich hat.
Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.
(Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war)
Die ersten Sätze
„Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika.“
„Mein erster Toter war ein Rentner. Lange bevor in meiner Familie ein Unfall, eine Krankheit und Altersschwäche die nächsten geliebten Menschen verschwinden ließen, lange bevor ich hinnehmen musste, dass der eigene Bruder, der zu junge Vater, die Großeltern, ja selbst der Kindheits-Hund nicht unsterblich waren, und lange bevor ich in ein zwanghaftes Dauergespräch mit meinen Gestorbenen geriet – so heiter, so verzweifelt -, fand ich eines Morgens einen toten Rentner.“
“Mit zwanzig wurde ich zu meiner großen Überraschung in München auf einer Schauspielschule angenommen und zog, da ich kein Zimmer fand, bei meinen Großeltern ein.“
„Mit dreiundzwanzig ging ich nach Bielefeld an das dortige Stadttheater.“
“Vier Monate und ein paar zerquetschte Tage nach meinem einundfünfzigsten Geburtstag musste ich ins Krankenhaus.“
„Mit Mitte fünfzig zog ich für mehrere Wochen zu meiner Mutter aufs Land nach Schleswig-Holstein, wo sie unweit der Ostsee auf einem weitläufigen, ja parkähnlichen Grundstück lebt.“
Buchinformationen
6-teilige Reihe Alle Toten fliegen hoch, von Joachim Meyerhoff, erschienen 2011-2024, je 15 Euro, erschienen bei Kipenheuer & Witsch.
Buy Local! Hier online beim Buchhändler meines Vertrauens bestellen
Über den Autor
„Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, hat als Schauspieler an verschiedenen Theatern gespielt, unter anderem am Burgtheater in Wien, am Schauspielhaus in Hamburg, an der Berliner Schaubühne und den Münchner Kammerspielen. Dreimal wurde er für seine Arbeit zum Schauspieler des Jahres gewählt. 2011 begann er mit der Veröffentlichung seines mehrteiligen Zyklus »Alle Toten fliegen hoch«. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.“
Subjects: Beruf, Deutschland, Eltern, Elternbeziehung, erwachsen werden, Familie, Geschwister, Großeltern, Kinder, Krankheit, Leben, Leidenschaft, Liebe, Schauspiel, Schreiben, Schriftstellerei, Selbstverwirklichung, Theater, Tod, Trauer, Traum, USA, Vaterschaft, Verlust, Zusammenhalt