Ava liebt noch

Ich stehe nicht auf ältere Frauen. Ich stehe auf dich, und du bist zufällig älter. Das ist die ganze Geschichte.

Deutschland. Ava ist 43, Mutter von drei Kindern und lebt ein Leben, das perfekt wirkt… und sich im Innern doch leer anfühlt. Zwischen Familienalltag, Ehe und Erwartungen hat sie längst die Verbindung zu sich selbst verloren.

Als sie Kieran begegnet, einem deutlich jüngeren Mann, wird etwas in ihr wach, das sie lange verdrängt hat: Sehnsucht nach sich selbst, nach Leidenschaft und nach einem Leben jenseits der Rollen, die sie erfüllt.

Doch je stärker diese neue Verbindung wird, desto deutlicher zeigt sich, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat, für ihre Familie, ihre Ehe, ihre Rolle in der Öffentlichkeit und für das Bild, das sie von sich selbst hat.

Ein bewegender Roman über die Liebe in all ihren Widersprüchen, das Wiederfinden der eigenen Identität und die Frage, wie viel Leben noch vor einem liegen kann, wenn man glaubt, die Hälfte bereits hinter sich zu haben.

Es gibt Romane, die keine spektakuläre Handlung brauchen, weil sie etwas viel Schwierigeres schaffen: Sie erzählen von einem Leben, das sich schleichend von innen verändert. Ava liebt noch von Vera Zischke ist genau so ein Roman. Packend, eindringlich und voller Wahrheiten, die oft unbequem sind – und die vermutlich genauso in vielen Ehen lauern.

Ava ist 43 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern und Expertin darin, alles am Laufen zu halten. Während ihr Mann Karriere macht, organisiert sie den Familienalltag, denkt an Geburtstage, Elternabende, Wäscheberge und Zahnarzttermine. Sie funktioniert. Und gerade dieses Funktionieren ist das eigentliche Thema des Romans. Denn irgendwann stellt sich die Frage: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er sich jahrelang selbst hintenanstellt und nur noch eine Rolle erfüllt?

Als Ava den deutlich jüngeren Kieran kennenlernt, beginnt keine klassische Liebesgeschichte. Vielmehr wird ihre Begegnung zum Auslöser einer längst überfälligen Auseinandersetzung mit sich selbst. Kieran steht weniger für den romantischen Traum als für die Erinnerung daran, dass Ava einmal Wünsche, Bedürfnisse, Leidenschaften und eine eigene Identität hatte, jenseits der Rolle als Mutter und Ehefrau.

Wenn ich vorher daran gedacht habe, mit Kieran zu schlafen, habe ich mich in meinem Kopf schöner gemacht, als ich bin. Mein dreiundvierzig Jahre alter Mutterkörper ist einer der Gründe, warum ich dachte, dass es nie so weit kommen würde. Ich dachte, ich würde mich nicht trauen. Aber das hier hat nichts mit Mut zu tun. Das ist, wie ein Glas Wasser in der Wüste zu finden und alles in einem Zug hinunter zu stürzen.

Vera Zischke erzählt diese Geschichte mit bemerkenswerter Empathie. Sie verurteilt keine ihrer Figuren und vermeidet einfache Antworten. Statt Schwarz-Weiß-Malerei entstehen vielschichtige Charaktere, deren Entscheidungen nachvollziehbar bleiben, selbst wenn sie schmerzen. Besonders gelungen ist, dass der Roman weder Familie und Ehe noch die neue Liebe idealisiert. Jede Entscheidung fordert ihren Preis.

Ich habe viele Jahre lang die Luft angehalten. Und ich stelle fest, dass es ebenso lange dauert, wieder zu Atem zu kommen. Das ist etwas, was Ralf nie verstanden hat. Er denkt, dass ich mich von den Kindern erhole, wenn sie in Schule und Kita sind. Aber ich muss mich nicht von meinen Kindern erholen. Ich brauche eine Pause von dem Gefühl, jederzeit für alles zuständig zu sein. Ich habe mit Themen zu tun, von denen er noch nicht einmal weiß, dass sie existieren.

Die größte Stärke des Romans liegt in seiner Empathie. Die Autorin beschreibt Mental Load, Erschöpfung und die unsichtbare Arbeit von Müttern mit einer Selbstverständlichkeit, die nie belehrend wirkt und in die man sich – besonders als Mutter – vollkommen hineinversetzen kann. Viele Szenen entfalten ihre Wirkung gerade deshalb, weil sie so alltäglich sind. Zwischen Brotdosen, Schwimmunterricht und Ehebett wächst langsam die Erkenntnis, dass ein Leben auch dann aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn nach außen alles perfekt erscheint.

Dabei scheut Zischke auch gesellschaftliche Fragen nicht. Der Altersunterschied zwischen Ava und Kieran macht deutlich, wie unterschiedlich ähnliche Beziehungen bewertet werden, abhängig davon, ob der ältere Part ein Mann oder eine Frau ist. Der Roman lädt ein, über Rollenbilder nachzudenken, ohne seine Figuren auf diese Debatte zu reduzieren.

Es gibt einen Lauf der Dinge, und den können wir nicht aufhalten. Wenn du in deiner Lebensmitte bist, gehe ich auf das Ende zu. Irgendwann wird dir das Leben fehlen, dass du nie gelebt hast.

Sprachlich überzeugt das Buch durch eine ruhige, klare Erzählweise, die einen von der ersten Seite an packt. Man möchte das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen.

Es ist kein klassischer Liebesroman, aber ein Roman über die Liebe – die Liebe zur Leidenschaft, die Liebe zum Leben, die Liebe zur Familie, aber vor allem die Liebe zu sich selbst. Mit allen Höhen und Tiefen. Dieses Buch erzählt nicht davon, dass die Liebe alle Probleme löst. Es erzählt davon, wie schmerzhaft es sein kann, sich selbst Stück für Stück wiederzufinden. Und es stellt eine Frage, die weit über die letzte Seite hinaus nachhallt: Wie viel von sich selbst kann man aufgeben, bevor man sich irgendwann nicht mehr erkennt?

Fazit

Ava liebt noch ist ein kluges, feinfühliges Debüt über Mutterschaft, Identität und den Mut, die eigene Sehnsucht ernst zu nehmen. Vera Zischke gelingt ein Roman, der weder urteilt noch einfache Lösungen anbietet. Stattdessen schenkt sie ihrer Hauptfigur etwas Seltenes: Verständnis. Ein Buch, das lange nachwirkt und besonders all jene berühren dürfte, die sich schon einmal gefragt haben, wann sie zuletzt einfach sie selbst waren.

So war es mal, so aufregend kann das Leben sein. So lebendig kann man sich fühlen, mit nur einem Kuss. Meine Lippen landen auf seinen, ich überlasse mich meinem Schicksal. Mir ist gleichgültig, was es nach diesem Moment mit mir anstellt, solange es mich nur diesen einen Kuss haben lässt. Ich habe mir so oft vorgestellt, wie es wäre, habe so oft wach gelegen und taggeträumt, dass nichts daran falsch erscheint.

Der erste Satz

„Es ist ein Donnerstag im Mai, als ich merke, dass ich noch am Leben bin.“

Buchinformationen

„Ava liebt noch“ von Vera Zischke, erschienen am 1.8.2024, 304 Seiten, 21,99 Euro, Hardcover, Taschenbuch, erschienen Januar 2026, 13,99 Euro, erschienen bei Ullstein.

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Über die Autorin

Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren und ist ausgebildete Journalistin. Sie schreibt tagsüber für die Zeitung, nachts Romane und bezeichnet das als Glück. Sie behauptet, alles in ihren Geschichten sei wahr, nur die Figuren seien erfunden. Ihr Debütroman Ava liebt noch wurde tausendfach auf Social Media empfohlen und so zum geheimen Bestseller. Auf Instagram schreibt sie unter @verazischke über ihr Leben als »Tired Writing Mom«, manchmal auch über pflegende Elternschaft. Vera Zischke ist Mutter eines autistischen Kinds und lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.“


Genre: Belletristik, Familienroman, Gegenwartsliteratur, Liebesroman, Roman, Selbstfindung
Subjects: Affäre, Beruf, Ehe, Einsamkeit, Familie, Freundschaft, Gesellschaft, Kinder, Krankheit, Leben, Lebenswege, Leidenschaft, Liebe, Mutterschaft, Selbstverwirklichung

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