Ein MUSS für jeden Buchliebhaber: Der Schatten des Windes

„…wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne.“

Barcelona zu Zeiten der Franco-Ära, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der zehnjährige Daniel Sempere wächst nach dem Tod seiner Mutter alleine mit seinem Vater – und umgeben von Büchern auf. Sein Vater, dem ein Antiquariat gehört, führt ihn eines Nachts zum „Friedhof der vergessenen Bücher“, ein geheimer Ort, an dem all die Bücher bewahrt werden, die ansonsten in Vergessenheit geraten würden.

„Ich spürte Millionen verlassener Seiten, herrenlose Welten und Seelen um mich herum, die in einem Ozean der Dunkelheit untergingen, während die außerhalb dieser Mauern pulsierende Welt Tag für Tag mehr die Erinnerung verlor, ohne es zu merken, und sich um so schlauer fühlte, je mehr sie vergaß.“

Die Tradition besagt, dass Daniel sich für eines der Bücher entscheiden – und sein Leben lang bewahren soll. Schicksalhaft führt ihn sein Weg durch das Labyrinth der Bücher zum verstaubten Werk eines gewissen Julian Carax, von dem Daniel noch nie gehört hat. In dieser Nacht verschlingt Daniel seinen Roman „Der Schatten des Windes“, taucht ein in diese düstere Geschichte – und entwickelt eine Faszination und Neugier, was es mit dem Werk und dem Autor auf sich hat. Als er nach weiteren Werken des Autors forscht stellt er fest, dass sowohl der Autor als auch seine Bücher verschollen sind. Er begibt sich auf eine gefährliche Spurensuche, die sein Leben für immer verändern wird – denn Daniel ist nicht der Einzige, der sich für Carax und seine Werke interessiert. Daniel Sempere taucht immer tiefer ein in eine schicksalhafte Vergangenheit und gerät dabei in ein Netz aus Liebe, Lüge, Leidenschaft, Einsamkeit, Reue, Verrat und Rache – bis die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Geschichte zunehmend verschwimmen und Daniels Schicksal mit dem von Julian verwoben scheint…


Carlos Ruiz Zafón führt uns mit seinem Roman „Der Schatten des Windes“ in das Barcelona der 40er Jahre kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – und in Rückblenden auch immer wieder in die Zeiten des Spanischen Bürgerkrieges. Der Autor schafft dabei eine düstere und von unterschwelliger Angst geprägte Atmosphäre, die seine Leser den moralischen Verfall, den Terror und die Willkür der damaligen Zeit hautnah erleben lässt.

Doch der Roman ist keineswegs deprimierend. Im Gegenteil. Er ist auch humorvoll und überaus kurzweilig, wenn auch nicht frei von Klischees. Man begegnet sehr vielen – teils eindimensionalen, teils faszettenreichen Charakteren. Der Leser trifft auf schattenhafte, unheimliche Gestalten, einen brutalen und gewissenlosen Kommissar, einen lebensweisen und höchst unterhaltsamen Obdachlosen, er trifft auf hungerleidende Schriftsteller, unzählige Buchliebhaber – und ein Barcelona, dass schaurig und schön zugleich ist.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich den eigentlichen Star des Romans: Fermin Romero de Torres, ein Obdachloser, der zu Daniels bestem Freund und Mentor wird und den Leser mit humorvollen und ungewöhnlichen Lebensweisheiten unterhält.

„Das Fernsehen, mein lieber Daniel, ist der Antichrist, und ich sage Ihnen, es werden drei oder vier Generationen genügen, bis die Leute nicht einmal mehr selbstständig furzen können und der Mensch in die Höhle, in die mittelalterliche Barbarei und in einen Schwachsinn zurückfällt, den schon die Nacktschnecke im Pleistozän überwunden hat. Diese Welt wird nicht von der Atombombe zerstört, wie uns die Zeitungen weismachen wollen, sondern sie wird sich totlachen, wird an Banalität zugrunde gehen…“

Das Werk ist der Beginn einer vierteiligen Barcelona-Reihe des Autors, was mir beim Lesen gar nicht klar war. Auf „Der Schatten des Windes“ folgten „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“. Der vierte und abschließende Band ist nach Verlagsangaben in Arbeit. Vielleicht erfahren wir in den anderen Teilen mehr über das Werk Julian Carax? Denn obwohl sich das gesamte Buch um den düsteren Roman „Der Schatten des Windes“ dreht, bleibt der Leser im Unklaren, was genau die Menschen so an diesem Werk fasziniert.

Etwas schade fand ich, dass – auch wenn ein Großteil der Handlung während der Franco-Diktatur und, in Rückblicken, während des Spanischen Bürgerkrieges spielt, die spanische Geschichte und auch die Stadt Barcelona vergleichsweise blass bleiben. Im Roman werden zahlreiche Straßen, Gebäude und Plätze Barcelonas erwähnt, aber nicht durchgängig bildhaft beschrieben. Meinem Lesevergnügen hat das aber nicht wirklich einen Abbruch getan, denn der Autor macht diese kleinen Mängel mit seinem ansonsten wunderbaren, oft altmodischen, Erzählstil und einer faszinierenden und spannenden Geschichte wieder wett.

Der Roman beschäftigt sich mit der Frage nach den Entscheidungen des Lebens und wie fragil die verschiedenen Lebenswege von Menschen sein können. Es geht um Freundschaft & Verrat, um Liebe & Hass, um Angst & Einsamkeit. Wer möchte, findet in diesem Buch viele Weisheiten und kann über das Schicksal philosophieren.

„Beide fragten sich, ob es die Karten gewesen waren, die ihnen das Leben ausgeteilt, oder die Art und Weise, wie sie sie ausgespielt hatten.“

Was für mich den Roman so besonders macht, ist aber ganz besonders die Liebe zu Büchern, die aus jeder Seite dringt.

„Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen nur, was man schon in sich hat.“

Fazit: Was für ein wunderbares Buch; schaurig und melancholisch – doch gleichzeitig humorvoll. In jedem Fall mitreißend und spannend bis zur letzten Seite… Von mir erhält der Autor für dieses Lesevergnügen – trotz der kleinen Mängel – 5 Sterne.

 

Buchinformationen

Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón, Taschenbuch, meine Uraltausgabe ist 2005 erschienen im Suhrkamp Taschenbuch Verlag, heute ist das Buch bei Fischer Taschenbuch erhältlich, 576 Seiten. 

Über den Autor

„Carlos Ruiz Zafón begeistert mit seinen Barcelona-Romanen um den Friedhof der Vergessenen Bücher ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. ›Der Schatten des Windes‹, ›Das Spiel des Engels‹ und ›Der Gefangene des Himmels‹ waren allesamt »Spiegel«-Bestseller; der vierte und letzte Band der Tetralogie ist in Arbeit. Auch ›Marina‹, der Roman, den er kurz vor den großen Barcelona-Romanen schuf, stand wochenlang auf der »Spiegel«-Bestsellerliste. Seine ersten Erfolge feierte Carlos Ruiz Zafón mit den drei phantastischen Schauerromanen ›Der Fürst des Nebels‹, ›Mitternachtspalast‹ und ›Der dunkle Wächter‹. Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und teilt seine Zeit heute zwischen Barcelona und Los Angeles.“


Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur, Historischer Roman, Roman
Subjects: Angst, Barcelona, Bücher, Bücherliebe, Bürgerkrieg, Diktatur, Einsamkeit, Familie, Freundschaft, Gesellschaft, Krieg, Lebenswege, Leidenschaft, Liebe, Paris, Reue, Schicksal, Schriftstellerei, Spanien, Verlust

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