Wenn man auf einem kleinen Haufen Scheiße steht und das der einzige Platz ist, wo man stehen kann – Herrgott, wie man dann kämpft!
Virginia/USA. Damon, genannt Demon Copperhead, wächst in den Appalachen Virginias unter denkbar schwierigen Bedingungen auf. Nach dem Tod seiner Mutter gerät er in ein System aus Pflegefamilien, Armut und Vernachlässigung, während er verzweifelt nach einem Platz im Leben sucht. Mit Witz, Mut und bemerkenswerter Widerstandskraft kämpft er sich durch Rückschläge, Freundschaften, die erste Liebe und die verheerenden Folgen der Opioidkrise. Barbara Kingsolver erzählt eine bewegende Geschichte über das Erwachsenwerden, soziale Ungleichheit und die Hoffnung, selbst unter den schwierigsten Umständen den eigenen Weg zu finden.
“Barbara Kingsolvers grandiose Neuerzählung von David Copperfield im Herzen der Appalachen von heute. Ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis und dem Women’s Prize for Fiction.“ (dtv)
Es gibt Bücher, die unterhalten. Es gibt Bücher, die erschüttern. Und dann gibt es Bücher wie Demon Copperhead, die sich mit einer solchen Wucht ins Herz schreiben, dass man sie noch lange mit sich herumträgt.
Barbara Kingsolver erzählt die Geschichte von Damon Fields, genannt Demon Copperhead, einem Jungen, der in den Appalachen Virginias geboren wird, arm, chancenlos und von Anfang an auf sich allein gestellt. Dass der Roman lose auf Charles Dickens’ David Copperfield basiert, muss man nicht wissen, um sich von dieser Geschichte mitreißen zu lassen. Kingsolver hat aus einem literarischen Klassiker einen modernen Roman geschaffen, der erschreckend aktuell wirkt.
Dabei ist Demon Copperhead kein Buch, das seine Leserinnen und Leser schont. Es geht um Armut, Pflegefamilien, Gewalt, Vernachlässigung und Drogensucht. Doch obwohl das Leid allgegenwärtig ist, wird der Roman niemals hoffnungslos. Das liegt vor allem an Demon selbst. Seine Stimme ist rau, witzig, schlagfertig und manchmal entwaffnend ehrlich. Er erzählt mit einer Mischung aus Selbstironie und Lebensklugheit, die ihn zu einer dieser Romanfiguren macht, die man nicht mehr vergisst.
Ich spielte, um zu gewinnen, hatte meinen Stolz und meine Träume. Und wenns nur Kleine-Jungs-Träume waren wie Carol Danvers zu heiraten oder später mal ein Avenger zu sein – na und? Ich stand jeden Morgen auf und dachte, dass da draußen die Sonne schien, für mich genauso wie für jeden anderen.
Kingsolver gelingt etwas Außergewöhnliches: Sie erzählt von gesellschaftlichem Versagen, ohne daraus einen belehrenden Roman zu machen. Statt Zahlen und Fakten stehen Menschen im Mittelpunkt. Jeder Schicksalsschlag bekommt ein Gesicht, jede Entscheidung eine Geschichte. Gerade dadurch wird deutlich, wie eng Armut, Perspektivlosigkeit und Sucht miteinander verwoben sind.
Dämlich ist das einzige Wort, das ich für einen großen Teil meiner Zeit auf Gottes Erden habe. Aber es ist nicht Dämlichkeit, die den Vogel fliegen und den Grashüpfer die Knie aneinanderreiben und singen lässt, sondern die Natur. Ein Junkie will high sein und sonst nichts. Dieses Zeug saugt alles andere aus den Gehirnzellen. Du glaubst, du hast alles im Griff. Du glaubst es stundenlang, einen ganzen Tag lang, bis die Uhr abgelaufen ist und der Mensch, der du warst, durch irgendein Loch, das der Teufel findet, rausgezerrt wird.
Aber immer wieder zeigt das Buch auch die Hoffnung auf, die einem selbst in den schlimmsten Momenten begegnen kann.
Besonders beeindruckend ist die Sprache. Sie ist bildhaft und kraftvoll, manchmal poetisch, oft witzig und schonungslos direkt. Trotz der annähernd 900 Seiten entsteht kaum ein Gefühl von Länge. Im Gegenteil: Man möchte Demon und seine Weggefährten immer weiter begleiten, selbst dann, wenn man ahnt, dass der nächste Absturz nicht lange auf sich warten lässt.
Als das Hirn verteilt wurde, verstand er Stirn, und da er ja schon eine hatte, ging er nicht hin: Das war Swap-Out. Tommy dagegen war intelligent wie nur was. Er konnte sich aus jedem Loch raustüfteln, aber dann kroch er wieder rein und blieb da drin hocken. Es war, als würde er sich für die Arschkarte entscheiden, damit kein anderer sie zog.
Demon Copperhead ist kein Wohlfühlroman. Er verlangt Aufmerksamkeit, Mitgefühl und manchmal starke Nerven. Doch genau darin liegt seine Stärke. Barbara Kingsolver schenkt den Menschen einer oft übersehenen Region eine Stimme und erzählt eine Geschichte über Würde, Überleben und die Frage, ob Herkunft wirklich über das ganze Leben entscheiden muss.
Dieses Buch hat mich nicht nur bewegt, sondern auch nachdenklich gemacht. Über Privilegien. Über gesellschaftliche Verantwortung. Und darüber, wie viel Kraft in einem Menschen stecken kann, selbst wenn das Leben scheinbar alles gegen ihn aufbringt.
Fazit: Demon Copperhead ist ein intensiver, kluger und emotionaler Roman, der lange nachhallt. Keine leichte Lektüre, aber eine, die jede Seite wert ist. Für mich eines der eindrucksvollsten Bücher der letzten Jahre.
Ein Zehnjähriger, der sich Tabletten einpfeift. Dumme Kinder. Das ist es, was wir sagen sollen: Seht euch an, wofür sie sich entscheiden – für den Weg ins Verderben. Aber jetzt, in diesem Augenblick, werden in den schmutzigen Rissen zwischen behüteten Zubettgehritualen und vollen Einkaufswagen Leben gelebt, in denen diese Wörter nicht gelten: Kinder, Entscheidung.
Der erste Satz
„Erst mal musste ichs schaffen, auf die Welt zu kommen.“
Buchinformationen
„Demon Copperhead“ von Barbara Kingsolver, erschienen am 15.2.2024, 864 Seiten, 26 Euro, Hardcover, Taschenbuch, erschienen Juni 2025, 16 Euro, erschienen bei dtv.
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Über die Autorin
„Barbara Kingsolver, 1955 geboren, hat Romane, Gedichte, Essays und ein Memoir verfasst, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet wurden, u. a. mit dem Pen/Faulkner Award, dem Orange Prize for Fiction, dem Women’s Prize for Fiction und dem Pulitzer-Preis. Sie wurde mit der National Medal of Humanities geehrt und ist Mitglied der American Academy of Arts and Letters. Aufgewachsen in Kentucky, lebt sie heute mit ihrer Familie auf einer Farm in Virginia.“
Subjects: Chancen, Drogen, Einsamkeit, erwachsen werden, Familie, Freundschaft, Gesellschaft, Heimat, Kinder, Krankheit, Leben, Lebenswege, Liebe, Mutterschaft, Schicksal, Tod, Trauer, USA, Verlust, Zusammenhalt