Die Hochzeit der Chani Kaufman

London im Jahr 2008. Sie haben sich einander versprochen, obwohl sie sich erst viermal gesehen haben – die 19-jährige Chani Kaufman und der angehende Rabbiner Baruch Levy. Beide wissen, ihr Leben wird sich von Grund auf ändern. Doch was sie genau erwartet, davon haben sie wenig Ahnung. Denn in ihrer geschlossenen jüdisch-orthodoxen Welt wissen die beiden kaum etwas vom anderen Geschlecht oder von Sexualität. Wie funktioniert die Ehe? Wie funktioniert Sex? Und vor allem: wie funktioniert Glück?

Eve Harris gibt in ihrem sensationellen Debüt einen tiefen Einblick in eine in sich geschlossene jüdische Welt des 21. Jahrhunderts, die einen staunend – und teilweise schockiert – zurück lässt. In einem hinreißenden Erzählstil lässt sie uns am Leben von Chani und Baruch – sowie Rivka, der Frau eines Rabbis – und ihren Familien teilhaben. Dabei lernen wir nicht nur das orthodoxe Judentum im Europa des 21. Jahrhunderts kennen. Wir erhaschen auch einen kleinen Einblick in das Jerusalem der 80er Jahre, der einen wünschen lässt, man würde darüber mehr erfahren.

„Und dennoch hielt Jerusalem hier etwas für sie bereit, etwas, das ihren Puls beschleunigte und ihre Sinne entfachte, wie sehr sie auch an der Existenz Gottes zweifelte. Die Stadt pulsierte mit tausend verschiedenen Stimmen, tausend verschiedenen, sehnsüchtigen Seelen: Muslime, Juden, Christen. Ihre Mauern vibrierten mit Gottes Namen.“

Chani Kaufman wächst auf in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in London. Ihren Verlobten hat sie vier mal gesehen, berührt hat sie ihn noch nicht. Nicht einmal die Hand dürfen die beiden sich geben bevor sie nicht verheiratet sind. Wie der Körper eines Mannes aussieht, das hat Chani nur durch einen – für ihre Lehrerin unglücklichen – Zufall erfahren. Wie das mit dem Sex funktionieren soll, bleibt für sie trotzdem ein Rätsel.

„Und dazwischen schien ein rosa Rüssel zu zittern. Der Rüssel hatte ein Auge, das Chani anstarrte. Und dann zwinkerte es ihr plötzlich zu.  {…} Chani schaute zu Boden und tat beschämt; doch sie bedauerte nichts. Bei dieser spontanen Enthüllung all dessen, was man so lange vor ihr verheimlicht hatte, war ihr ein Platz in der ersten Reihe zuteilgeworden. Allerdings war es kein erfreulicher Anblick gewesen. Genaugenommen hatten sie die männlichen Teile angeekelt. Wie lächerlich sie ausgesehen hatten, als sie da so in der Gegend herumbaumelten. Mit Sicherheit waren diese versteckten Wunder HaSchems Art gewesen, ein Witzchen zu reißen.“

Obwohl Chani gläubig und ihren Eltern ergeben ist, ist sie doch anders als viele Mädchen in ihrer Gemeinde. Denn sie stellt sich – und anderen – Fragen. Sie will sich nicht zufrieden geben mit einer arrangierten Ehe ohne Liebe. Sie will nicht enden wie ihre Mutter, mit sieben Kindern, aber hoffnungslos überfordert, ausgelaugt und unglücklich.

„Alle höchst fromm, alle auf der Suche nach einem guten jiddische Mädchen, die ihnen Tscholent kochte und ihnen am Schabbes die Kerzen anzündete. Eine Instantfrau – bloß noch Wasser hinzufügen. Keiner von ihnen interessierte sich dafür, wer sie war.  {…}  In ihrer Welt verliebten sich die Menschen nicht. Sie wurden in die Ehe begleitet. Sie trafen sich, sie heirateten, und dann bekamen sie Kinder. Und irgendwann, unterdessen, lernten sie sich kennen.“

In Chanis Welt ist es nicht unüblich, sieben Geschwister zu haben, denn Verhütung ist nicht erlaubt. Den Nachwuchs nach allen Regeln der Religion großzuziehen – und zu verheiraten – dem widmen die Eltern, oft bis zur Erschöpfung, ihr Leben.

„Ihre Mutter war zu einer Maschine geworden, deren Teile abgenutzt waren und knirschten. Früher war sie schlank gewesen, eine geschmeidige Frau, fröhlich und flink. Über die Jahre hatte sich ihr Bauch aufgebläht und war wieder erschlafft, wie der Kehlsack eines Ochsenfrosches. Heute war das Licht in ihren Augen erloschen. Sie war eine Fremde geworden, ein erschöpfter Berg erschlafften Fleisches, der ohne Pause stillte, beruhigte, tätschelte oder fütterte.“ 

Wie muss es sein, in einer Gemeinschaft zu leben, in der Glaube und Tradition das Wichtigste im Leben sind? Umgeben zu sein von Freiheit und Individualismus, aber nicht daran teilhaben – und höchstens heimlich davon träumen zu können?

„Wie lebten andere Menschen? Fühlten und dachten sie wie sie selbst? Wie war es wohl, sich frei in der Welt zu bewegen, ohne über jede Handlung und ihre spirituellen Konsequenzen nachdenken zu müssen? Entfernte Verwandte ihres Vaters führten in Amerika ein säkulares Leben. Bei der Vorstellung, was sie sie alles fragen würde, sollte sich die Gelegenheit ergebe, wurde ihr ganz schwindelig.“

Humorvoll und tragisch lässt Eve Harris den Leser das jüdische Leben erleben – gefangen in einer Welt zwischen Religion und Weltlichkeit, Tradition und Moderne.

Ich habe diesen Roman verschlungen. Er hat mich sprachlos gemacht und mich spüren lassen, wie wenig ich eigentlich von einer der ältesten Religionen weiß und verstehe. Neben aller Befremdung, die man beim Lesen gegenüber den starren Traditionen empfindet, kann man die Beweggründe doch auch nachempfinden.

„… wir haben eine Wahl. Unsere Identität zu bewahren, indem wir die Tradition aufrechterhalten. Unser Erbe zu bewahren, obwohl so viele von uns dafür gestorben sind. Oder Hitlers Arbeit fortzusetzen, indem wir vergessen, wer wir sind, und unserem Erbe den Rücken zu kehren. Es ist so viel einfacher, ein modernes Leben zu führen, zu essen, was man will, zu heiraten, wen man will, und an Schabbes Fernsehen zu schauen. Aber jedes Mal, wenn jemand dem Judentum den Rücken zukehrt, ist es ein weiterer Sieg für diejenigen, die uns tot gewünscht haben und das noch immer tun.“

Der Roman weckt in mir den Wunsch, mehr über das Judentum und die unterschiedlichen Strömungen zu erfahren. Er ist voller Humor, Empathie, Staunen und Neugier und sehr lehrreich. Völlig zu recht war dieses Buch auf der Longlist des Man Booker Price. Ich vergebe 5 Sterne.

Buchinformationen

Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris, Diogenes Verlag, erschienen im September 2015, 464 Seiten


Genre: Belletristik, Gesellschaftsroman, Liebesroman, Religion & Glaube, Roman
Subjects: Familie, Gesellschaft, Glaube, Heirat, Lebenswege, Liebe, Religion

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